Rome

Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit (1-3)

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(Trisol 2011) 3 CDs (Boxset oder einzeln)

Die Nachricht, dass Jerome Reuter sein Folkprojekt Rome zukünftig unabhängig von seinem Stammproduzenten Patrick Damiani betreiben wolle und als Rückkehr zu seinem alten Stil gleich ein horrend teures 3-CD-Set anbieten würde, wurde nicht nur mit Vorfreude, sondern auch mit Skepsis begrüßt: Nach nur einem Jahr drei vollwertige Konzeptalben vorzulegen - konnte das gut gehen?

Nachdem das in Leinen gebundene Boxset längst ausverkauft ist, sind die drei Alben unter dem Titel "Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit" 1 - 3 nun separat erhältlich: Im stilvoll-reduzierten Digipak mit dicken Booklets und allen Texten. Der Charakter der klassischen Literatur, den das Boxset evozierte, bleibt hier weitgehend bewahrt. Auch der Textlastigkeit der Veröffentlichung wurde weiter Rechnung getragen. Doch was erwartet den geniegten Hörer musikalisch?

Wie die vorangehende 12" "Our Holy Rue" erwarten ließ, kehrt die Band konsequent zu dem Stil der ersten Veröffentlichungen auf Cold Meat Industry zurück, die inzwischen von Trisol erneut aufgelegt wurden. Die Stücke der Maxi demonstrierten sowohl den etwas roheren, handgemachten Folkstil als auch den martialisch-rituellen Gestus, der sich auf der Trilogie wiederfindet. Stilistisch lässt sich das vor allem mit Death in June in der frühen bis mittleren Phase vergleichen. So erinnern Stücke wie "Our Holy Rue" mit den schweren Marschtrommeln und dem verhalten Skandieren an Lieder wie "We Drive East", während die melodischen Folksongs an die noch minimalistischen Lieder der "Brown Book"-Ära von Death in June gemahnen. Statt komplexer multiinstrumentaler Besetzung, wie man das von den vorangehenden Rome-Alben kannte, herrscht hier ein schroffer Minimalismus vor, der zugleich die Ernsthaftigkeit des Unternehmens unterstreicht.

Anders als umstrittenere Vertreter der Neofolk- und Military-Pop-Genres interessiert sich Rome nicht primär für totalitäre Machtstrukturen, sondern für die titelgebende "Herrschaftsfreiheit", also Anarchismus und Anarchentum. Orientiert ist das historisch an der Zeit zwischen den Weltkriegen, sollte also nicht voreilig als engagiert linkspolitisch interpretiert werden. Neben Brecht dienen ebenso Pablo Neruda, Friedrich Nietzsche, Proudhon oder Bertrand Russell als Inspiration. Ästhetisch (auch in der kämpferischen Selbstdarstellung Reuters, die wiederum stark an die Promotionfotos von Triarii erinnert), bleibt man den Konventionen des Genres absolut treu, arbeitet mit historischen Samples, ambivalenten und vieldeutigen Sprachfetzen und erschafft mit "Ballots and Bullets" (CD 3) eine veritable anarchische Folkhymne.

Der Hörerlebnis - sofern man die Alben hintereinander hört - gleicht einem deutsch-englischen Hörspiel, voll von ambienten Monologen, bedeutungsschweren Reflexionen und immer wieder melodiösen Songs und aggressiven Marschakzenten: Ein erschöpfendes stilistisches Wechselbad, das sich literarisch-filmischen im musikalischen Medium erprobt. Daher ist es umso wichtiger, hier auch Lyrics und Fotos hinzuzuziehen. Bei wiederholtem Hören, wird die Überdeutlichkeit der deutschen Monologe allerdings anstrengend und man muss es fast bewundern, dass Band und Label ein so unkommerzielles Projekt so aufwändig umzusetzen wagen. Ignorante Fans werden sich zweifellos die eingängien Songs zusammenkopieren und das Gesamtwerk im Regal verstauben lassen.

Ob man das Konzeptwerk nun inhaltlich vorbehaltlos würdigt oder das Unternehmen an sich nur respektiert und die Highlights genießt, Rome bleiben mit "Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit" eine der wenigen Bands ihres Genres, mit denen sich eine Auseinandersetzung lohnt, und bieten Fans wie Kritikern eine Menge gehaltvolles Material.

:ms: