Overlord (Bildstörung: Drop Out 7)

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Vertrieb: Alive
Regie: Stuart Cooper
Land / Jahr: Großbritannien 1975
Drehbuch: Christopher Hudson, Stuart Cooper
Darsteller: Brian Stirner, Davyd Harries, Nicholas Ball, Julie Neesam, Sam Sewell, John Franklyn-Robbins, Stella Tanner
Technische Angaben
Laufzeit: 79 Minuten
Bild: 1,66:1 (anamorph)
Sprachen/Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono), Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Untertitel: Deutsch
Extras: 36seitiges Booklet zum Film, Audiokommentar von Regisseur Stuart Cooper, Interviews mit Schauspieler Nicholas Ball / Kameramann Doug O'Neons / Roger Smither vom Imperial War Museum, Kurzfilm "A Test of Violence", Newsreel-Film von 1943 "Cameramen at War", Propagandaclip von 1941 "Germany Calling", Featurette "Briefe von der Front", Kinotrailer

„Der Mainstream verändert sich durch all jene Autorenfilmer, Experimentalfilmer, Independentfilmer, Undergroundfilmer und Genrefilmer, die eine ganz eigene Vision davon haben, was Film kann, darf und soll. Sie alle verhindern durch Filme mit Ecken und Kanten den geraden, glatten Fluss der Bilder. Hindern das Kino daran, sich an immer gleichen Wiederholungen abzunutzen. Sie tun dies, indem sie das große Bild mit ihren Bildern stören. Sie sind die BILDSTÖRUNG.“

So das Selbstverständnis des Hanauer Labels Bildstörung, das sich seit rund einem Jahr mit hochwertigen DVD-Veröffentlichungen der hauseigenen DVD-Reihe „Drop Out“ einen Namen macht: Bisher sieben Titel, unter anderem IM GLASKÄFIG, BAD BOY BUBBY, LA BÊTE – DIE BESTIE oder der einzigartige Kulthorrorfilm POSSESSION fanden durch die Bemühungen von Bildstörung in wunderschönen, üppig ausgestatteten DVDs weltweit nicht nur konkurrenzfähige, sondern zum Teil absolut herausragende Veröffentlichungen und wurden damit größtenteils erstmals auf Deutsch zugänglich gemacht.

Bald erscheint als Drop Out-DVD Nummer 8 der mysteriöse, wunderschön bebilderte Film VALERIE - EINE WOCHE VOLLER WUNDER von Jaromil Jires. Seit dem 4. Juni kann nun der siebente Titel der Reihe erworben werden: OVERLORD, 1975 mit dem Silbernen Bären der Berlinale prämiert, ist ein Antikriegsfilm von Stuart Cooper. Und zwar bei weitem kein gewöhnlicher. Während zahlreiche Antikriegsfilme sich das Spektakel des Krieges zu eigen machen, um es fernab von seiner Ernsthaftigkeit besonders effektgewaltig oder sogar patriotisch aufgeladen zu präsentieren, ging Cooper für seinen Film andere Wege. Hier ist Krieg als abstrakte, allumfassende Bedrohung zu sehen, als Overlord, als Damoklesschwert. Wer hier nach Explosionen und Schusswechseln sucht, sucht vergebens. Stattdessen besteht der Film aus Archivmaterialund poetischen Bildern des Ausnahme-Kameramanns John Alcott (A CLOCKWORK ORANGE, BARRY LYNDON, THE SHINING), die sich in ihrer Kombination gängigen Sehkonventionen zum Teil deutlich widersetzen. Cooper zeigt mit seinem Film die Bitterkeit des Krieges fernab des Erfahrungshorizonts und vor allem fernab des medialen Gedächtnisses des Zuschauers. OVERLORD ist Kontrastprogramm, im besten Sinne.

Im Zentrum der Geschichte steht der gutmütige Engländer Tom Beddows (Brian Stirner), der im Jahr 1944 wie viele seiner Altersgenossen mobilisiert wird und in einem militärischen Trainingscamp landet. Denn die Vorbereitung auf die Invasion Deutschlands (Kennwort: Overlord) ist in vollem Gange und neue Truppen müssen her. In einem Szenario, dass Filmen wie JARHEAD oder FULL METAL JACKET stellenweise ein wenig ihre Originalität abspricht, fügt sich der junge Mann in sein schicksalhaftes Los und arrangiert sich mit seinen Kameraden – immer wieder verfolgt von Visionen eines sterbenden Soldaten. Beddows spürt den Krieg nur von der Ferne, sieht ihn nur in Bildern, hört ihn nur in Geschichten und scheitert letztlich an seinem tatsächlichen Anblick.

Eine immerwährende Ahnung des Todes durchzieht OVERLORD und wird durch seine Archivaufnahmen immer wieder untermauert. Coopers Montagesequenzen zeigen Luftkämpfe, Flakgewitter und verkohlte Kinderleichen, die in ihrer befremdlichen Ambivalenz dabei stets ein Unwohlsein evozieren: Einerseits erlebt man hier weitaus beeindruckendere Momente, als bei den aufwändigsten Nachstellungen und zum Teil sind die großartig erhaltenen Aufnahmen zerberstender Bomben wunderschön, gleichzeitig lässt sich aber die bedrückende Authentizität der Bilder nie vergessen. Das Gefühl, das der Blick in die tatsächliche Fratze der Massenvernichtung hervorruft, kann durch keinen fiktiven Film simuliert werden. Der Regisseur nutzt eine bedrohlich dröhnende und grollende Soundkulisse, um dies noch zu unterstreichen und versucht dann in seinen inszenierten Sequenzen das Konzept Krieg auf ein Einzelschicksal zu projizieren. Ein Vorhaben, dass ihm fast durchgehend gelingt, insbesondere durch seinen Kameramann, der in den stärksten Szenen der Handlung desolate Seelenbilder findet, die förmlich sprachlos machen.

Bei all der Stärke, die OVERLORD besitzt, bleibt nur noch eine Frage: Warum bricht Cooper an manchen Stellen die Intensität seines Films für belanglose Dialoge und platte Witze? Auch wenn die Vermutung naheliegt, dass derartige Szenen die eigentliche Belanglosigkeit von Krieg andeuten wollen, zehren sie trotz der Kürze des Films dennoch am Geduldsfaden. Ein Kritikpunkt, der nicht verschwiegen werden sollte, der OVERLORD aber keineswegs zu einem schlechten Film macht – vermutlich wäre er mit einer Konsequenz, wie sie später Stanley Kubrick in FULL METAL JACKET an den Tag gelegt hat, kaum zu verkraften.

Über jeden Zweifel erhaben ist in jedem Fall die Veröffentlichung des Films als Amaray im Pappschuber mit Schutzumschlag, begleitet von einem 36-seitigen Booklet zum Film mit Texten von Stuart Cooper, Roger Smither, Thomas Groh sowie mit Auszügen aus dem Roman zu Overlord. Rund 81 Minuten aufschlussreiche, liebevoll recherchierte Extras runden das Gesamtbild ab. Die Schauwerte der DVD, insbesondere bei den angesprochenen Archivaufnahmen, beeindrucken qualitativ sehr, man mag stellenweise kaum glauben, wie gut alles erhalten ist. Hinzu kommt ein enorm fülliges Grollen des Kriegslärms, das bis in die Magengrube dringt. Was bleibt zu sagen? Eine DVD, die bei jedem Anfassen und Einlegen Lust auf die nächste Veröffentlichung mit neuen Entdeckungen und natürlich neuen Bildern macht – wie auch ihre Vorgänger.

OVERLORD nimmt als erster Film mit dokumentarischen Szenen eine Sonderstellung unter den bisherigen Veröffentlichungen der Drop Out-Reihe ein und liefert ganz im Sinne des Labels Eindrücke, die fremdartig erscheinen, seltsam berühren, lange nachwirken. Bildstörung setzt seinen Kurs somit souverän fort und bleibt uns hoffentlich noch lange erhalten.

Dennis Vetter